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Interview
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Interview mit Jan Schwarz – Botschafter Studienstiftung des deutschen Volkes

22. März 2021
Ich heiße Jan Schwarz, bin 23 Jahre alt und Stipendiat und Botschafter der Studienstiftung des deutschen Volkes. Zurzeit studiere ich Medizin an der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor habe ich einen Bachelor in Psychologie abgeschlossen. Mein Abitur habe ich ebenfalls in Bochum gemacht.

Wie war dein Weg zum Stipendium bei der Studienstiftung des deutschen Volkes?

Aufgrund meiner guten schulischen Leistungen und meines ehrenamtlichen Engagements in der Schülervertretung und im Judoverein hat meine Lehrerin mich nach dem Abitur für ein Stipendium vorgeschlagen. Davor hatte ich noch nie etwas von der Studienstiftung des deutschen Volkes gehört und war zunächst sehr skeptisch. Das hatte mit dem Namen zu tun. Ich verband damit eher konservative Werte. Doch dann habe ich mich informiert, wofür genau die Stiftung steht und meine Erwartungen betsätigten sich nicht, im Gegenteil: Die Stiftung präsentierte sich offen und unabhängig. Sie ist weder partei- noch konfessionsgebunden. Also habe ich die Einladung für das Auswahlverfahren angenommen und teilgenommen.

Im Oktober 2016 habe ich dann – ich war damals im ersten Semester meines Psychologiestudiums an der Ruhr-Universität – das Stipendium bekommen. Den Bachelor in Psychologie habe ich abgeschlossen, nun studiere ich Medizin. In einem solchen „Zweitstudium“ von der Studienstiftung weitergefördert zu werden ist selten möglich, aber mit der richtigen Begründung kann es klappen.

Warum bist Du denn nach dem Bachelor Psychologie nicht in den Master gewechselt, sondern hast noch zusätzlich ein Medizin-Studium begonnen?

Ich habe mich entschlossen noch Medizin zu studieren, weil ich während meines Praktikums in der Psychiatrie eine Frau getroffen habe, deren Krankengeschichte mich sehr bewegt hat. Diese Patientin war damals schon zwei Jahre lang in Behandlung bei verschiedenen Ärzten, ohne dass ihr wesentlich geholfen werden konnte. In der Psychiatrie wurde sie auf eine Depression hin behandelt. Nach wochenlangem Klinikaufenthalt stellte sich heraus, dass sie eine bislang unerkannte Schilddrüsenerkrankung namens „Hashimoto“ hatte. Da habe ich mich gefragt, was wäre, wenn ich „nur“ Psychologe wäre und so etwas nicht erkenne? Die Entscheidung zum Medizinstudium war daher eine ganz bewusste Entscheidung, weil die beschriebene Erfahrung in mir den Wunsch geweckt hat, mich beruflich möglichst ganzheitlich aufzustellen. Letztlich kann man die Psyche nicht vom Körper trennen und umgekehrt.

Wovon träumst du beruflich? Was möchtest du später gern erreichen?

Das ist etwas schwierig zu beantworten, ich habe ja zwei Fächer studiert. Eine gute Möglichkeit beide zu vereinen wäre der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Dieser behandelt nicht nur körperliche Symptome, die durch eine psychische Erkrankung verursacht sind, sondern auch psychische Störungen, die im Zuge einer schweren körperlichen Erkrankung auftreten können. Letztendlich deckt er die Schnittstelle zwischen der klinischen Psychologie und Medizin ab. Andererseits fände ich es sehr spannend, an der Prävention und Therapie von diesen Erkrankungen zu forschen.

Was bedeutet es für dich, Stipendiat der Studienstiftung zu sein?

Stipendiat zu sein bedeutet für mich generell, nicht den Druck zu haben, neben dem Studium noch Geld verdienen zu müssen. Ich habe ausreichend Zeit, mich auf Klausuren und Prüfungen vorzubereiten. Und ich kann dadurch auch mein Ehrenamt als Botschafter der Studienstiftung ohne Stress ausüben. Außerdem bietet die Studienstiftung ein sehr großes Netzwerk, das mir unter anderem zu einem Praktikum in der Psychiatrie verholfen hat. Es ist einfach immer gut, Menschen kennenzulernen, die bereits Kontakte haben, die man ansonsten selbst noch aufbauen muss.

Zudem ist die ideelle Förderung durch Workshops, Diskussionsrunden oder Reisen super für meine persönliche Entwicklung. Ich finde es toll, insbesondere ethische Themen mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe, Herkunft und Meinungen diskutieren zu können. Das sind Erlebnisse und Erfahrungen, die mich deutlich verändern – in positiver Hinsicht, glaube ich.  Ich denke, dass die Vielfalt von Meinungen und Menschen in der Studienstiftung aufgrund ihrer Unabhängigkeit besonders groß ist.

Warum bist du Botschafter der Studienstiftung geworden und was macht die Arbeit für dich aus?

Mich hat ein Freund aus der Stiftung darauf aufmerksam gemacht. Mich motiviert es, zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen zu können. Als Botschafter möchte ich die Studienstiftung bekannter machen, denn grundsätzlich steht das Stipendium in der Studienstiftung erst einmal jeder und jedem mit guten Leistungen offen. Viele haben aber noch nie von Stipendien oder der Studienstiftung gehört. Aufgrund dieses Informationsdefizites ist schon die „Vorauswahl“ der Stipendiat*innen viel zu selektiv. Das ist ein Problem, das auch der Stiftung bewusst ist und dem ich durch gute Informationsarbeit entgegenwirken möchte. Es gibt einfach immer noch viele Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, die sich auch in den Bildungschancen manifestieren. Deshalb investiere ich zwei bis drei Stunden wöchentlich in die Botschaftertätigkeit. Unter anderem besuche ich Schulen oder Messen, oder ich unterstütze die RUB-Talentscouts oder Arbeiterkind.de als Ansprechpartner bei Informationsveranstaltungen wie beispielsweise den Infotagen zu Stipendien.

Zudem hören Stipendiat*innen den Vorwurf der Eliteförderung nicht selten. Diesem Vorwurf möchte ich auch mit meinem Botschafter-Engagement entgegenwirken, denn grundsätzlich steht das Stipendium jeder und jedem, unabhängig von Herkunft und Hintergrund, offen!

Wie siehst du die Zusammenarbeit der Botschafter*innen mit Kooperationspartnern wie den Talentscouts oder den Schulen? An welchen Schrauben muss noch gemeinsam gedreht werden, um die Stipendienkultur im Ruhrgebiet zu verbessern?

Ich arbeite eng mit den Talentscouts zusammen, bringe mein Wissen und meine Erfahrung mit und sie wirken als Multiplikator*innen zum Beispiel an Schulen. Es ist normalerweise gar nicht so leicht, in den Schulen an Kontakte zu den Lehrer*innen zu kommen. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist aber ein sehr wichtiger Baustein für die Verbesserung der Stipendienkultur, da die Schulen ein Vorschlagsrecht für die Studienstiftung haben. Leider wissen viele Schulen nicht von ihrem Vorschlagsrecht oder aber die entsprechende Vorschlagskultur ist noch nicht vorhanden. Die Kommunikation zwischen der Studienstiftung, den Lehrer*innen und Schüler*innen kann verbessert werden. Ich habe beispielsweise von einigen Schüler*innen gehört, die vorgeschlagen wurden, und den Brief der Studienstiftung mit der Einladung zum Auswahlverfahren ungelesen weggeworfen haben. Einfach weil sie gar nicht wussten, wer der Absender ist oder dass sie überhaupt vorgeschlagen wurden. Zudem müssen die Lehrer*innen noch stärker dazu motiviert werden, potentielle Stipendiat*innen vorzuschlagen.

Ein weiterer wichtiger Baustein sind sicherlich die Informationsveranstaltungen der Talentscouts zum Thema Stipendien. Bei diesen Veranstaltungen stehe ich den Studieninteressierten oder Studierenden für Fragen rund um Stipendien oder die Studienstiftung zur Verfügung.

Gibt es eine besonders spannende oder schöne Erfahrung, die Du im Rahmen deiner Förderung machen konntest?

Da gibt es so einige! Generell finde ich die Stipendiat*innen-Stammtische immer super gesellig und schön. Ganz besonders toll sind die Sommerakademien, bei denen man auch mit fachfremden Themen in Berührung kommt, inspiriert wird und einen anderen Blick entwickelt. Zudem gibt es dort immer auch Vorträge von  Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen. Besonders in Erinnerung ist mir die AG „Das menschliche Gehirn“, gehalten von zwei Ärzten des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, geblieben. Dort haben ich und etwa 20 weitere Stipendiat*innen über die möglichen Auswirkungen, Ursachen und die Diagnostik von neurologischen Störungen diskutiert. Durch den unterschiedlichen Background, verschiedene Ansätze und Ideen haben wir uns so gut ergänzt, dass die Diskussionen regelmäßig ausgeufert sind. So in diesen Themen zu versinken war großartig.

Was möchtest Du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich für ein Stipendium bewerben wollen?

Ich rate immer allen, sich zu trauen sich einfach zu bewerben, unabhängig von der Meinung anderer. Natürlich kenne ich auch viele Schüler*innen und Studierende, die sich beworben haben und nicht eingeladen wurden. Und ich weiß, dass es für manche schwer ist, dass sie keine Rückmeldung bekommen, warum es mit der Bewerbung oder im Auswahlverfahren nicht geklappt hat. Davon sollte man sich aber nicht unterkriegen lassen und sich einfach weiter bewerben.

Allein durch das Erstellen der Bewerbungsunterlagen lernt man so viel über sich selbst. Wann muss man schon sonst in diesem Alter, also meist direkt nach dem Abitur, seine persönliche Situation so reflektieren wie bei einer Bewerbung für ein Stipendium? Sich fragen, was interessiert mich eigentlich? Warum und wie bin ich diesen Bildungsweg gegangen? Kann ich vielleicht noch etwas Anderes mit meiner Zeit anfangen und mich zum Beispiel ehrenamtlich engagieren? Dieses Nachdenken bereichert in jedem Fall, auch wenn man am Ende nicht genommen wird.

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Bild: Jan Schwarz