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Ratgeber
Talentscouting

Das Stipendium als Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit im Talentscouting

1 Oktober 2020
Bildungsgerechtigkeit ist nicht erst seit der Pandemie ein wichtiges Thema, auch wenn Corona viele Probleme nochmal deutlicher hervortreten lässt. Können Stipendien hier einen Beitrag leisten? Und wie kann man den Anteil an Erstakademiker*innen, die ein Stipendium erhalten langfristig erhöhen?

Wir Talentscouts gehen in Schulen und begleiten Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg ins Studium oder in die Ausbildung. Dabei haben wir eine besondere Zielgruppe: Wir möchten insbesondere für diejenigen da sein, denen eine akademische Bildungsbiographie nicht von zu Hause in die Wiege gelegt ist. Dies sind Schülerinnen und Schüler, die die ersten sind, die in ihrer Familie studieren, die noch nicht lange in Deutschland sind oder gar einen Fluchthintergrund haben.

Oft sind diese jungen Menschen diejenigen, die trotz Abitur und guter Noten seltener den Weg an die Hochschulen finden. Die Begabtenförderwerke haben darüber hinaus festgestellt, dass der Anteil an Erstakademiker*innen, die ein Stipendium erhalten, relativ gering ist und berücksichtigen zunehmend den Bildungshintergrund der Bewerber*innen. Umso wichtiger ist es, dass sich viele talentierte junge Menschen mit solchen Biographien für ein Stipendium bewerben.

Doch das ist gar nicht so einfach, denn zunächst müssen diese ja ein Studium für sich in Erwägung ziehen und darüber hinaus auf die Idee kommen, sich für ein Stipendium zu bewerben. Das Stipendium wird leider häufig noch als Instrument der Elitenförderung verstanden – und die wenigsten unserer Talente sehen sich dort.

Um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen und mehr junge Menschen durch ein Stipendium zu fördern, haben viele Förderwerke bereits entsprechende Maßnahmen entwickelt: Die Studienstiftung lädt jährlich alle Schulen ein, von ihrem Vorschlagsrecht Gebrauch zu machen; inzwischen dürfen auch wir Talentscouts ein Talent vorschlagen und sogar als Jurymitglieder am Auswahlverfahren teilnehmen. Auch beim evangelischen Studienwerk Villigst können wir Vorschläge machen, und die Hans-Böckler-Stiftung hat mit „Böckler Aktion Bildung“ gar ein eigenes Programm für Studierende entwickelt, die sich ein Studium ohne Stipendium schlicht nicht leisten können. Bis der Anteil der Erstakademiker*innen, die ein Stipendium erhalten, steigt,  dauert es aber sicherlich noch eine Weile.

Doch die Mühe lohnt sich, denn immer da, wo es mit dem Stipendium klappt, bekommt man eine Idee davon, wie sehr ein Stipendium gerade unsere Zielgruppe beflügelt! Allein der Vorschlag, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, weil wir jemanden für geeignet halten, kann ein echter Schulterschlag sein. Ein für die Bewerbung benötigtes Empfehlungsschreiben des Talentscouts oder einer Lehrkraft leistet oft schon einen Beitrag, sodass einige unserer Talente beginnen, sich selbst in einem anderen Licht zu sehen.

„Der Schulvorschlag und die Aufnahme in die Studienstiftung stellen […] einen Meilenstein […] in meiner[…] Biografie dar, und ich empfinde es bis heute als große Würdigung meiner Fähigkeiten.“ – Talent Alvin, Student und Stipendiat der Studienstiftung

Wenn gewünscht, begleiten wir den gesamten Prozess der Bewerbung, angefangen von der Suche nach dem passenden Stipendiengeber bis hin zur Vorbereitung auf das Auswahlverfahren. Verschiedene Workshopangebote ergänzen die Beratung vor Ort.

Bei vielen unserer Talente, die bereits ein Schüler- oder Studienstipendium erhalten, können wir auch beobachten, wie sehr sie das ideelle Angebot nutzen und davon profitieren, beispielsweise indem sie sich ein neues Netzwerk erschließen.

„Ich spüre die Unterstützung anderer Menschen, was mir Rückenwind für meinen weiteren Bildungsweg gibt.“ – Talent Lea, Schülerin

Das Thema Stipendien ist darum ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit geworden und hat inzwischen sowohl im direkten Kontakt mit unseren Talenten als auch in der Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern einen hohen Stellenwert eingenommen.

 

Der Text wurde von Sonja Hunscha verfasst. Sonja ist Talentscout an der FH Dortmund.