Direkt zum Inhalt
Interview
Nejla Akan

Interview Nejla Akan

2 September 2020
Mein Name ist Nejla Akan, ich bin 30 Jahre alt und habe die Fächer Sport und Deutsch an der TU Dortmund studiert. Ich arbeite als Sport- und Deutschlehrerin am Ricarda-Huch-Gymnasium in Gelsenkirchen. In meiner Schulzeit (10. Klasse bis zum Abitur) habe ich das Schülerstipendium der START-Stiftung erhalten. Die START-Stiftung gGmbH fördert engagierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationserfahrung. Im Studium war ich Stipendiatin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft.

(Fotograf: Georg Lukas)
Frau Akan, Sie sind im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit Ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nach der Grundschule haben Sie zunächst die Hauptschule besucht. Wie haben Sie die Schulzeit dort erlebt?

Auf der Hauptschule hatte ich im Großen und Ganzen eine schöne Schulzeit. Neben meinen sehr guten Noten habe ich mich in vielen schulischen Bereichen engagiert: Ich war aktiv in den Fußball- und Volleyballmannschaften der Schule, habe in den Pausen freiwillig Brötchen verkauft, war Klassensprecherin, habe die Schule im Kinder- und Jugendparlament der Stadt Halver vertreten und war auch Vorsitzende dieses Gremiums. In der 10. Klasse habe ich allerdings negative Erfahrungen seitens der Lehrer*innen erlebt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits START-Stipendiatin. Mir wurde gesagt, dass ich das Abitur sowieso nicht schaffen werde. Vor der ganzen Klasse haben Lehrer*innen mich als dumm dargestellt: „Das Stipendium wirst du nach ein paar Wochen sowieso verlieren; es ist nämlich nur für begabte und talentierte Zuwanderer“. Obwohl ich sehr gute Noten hatte und stets engagiert und fleißig war, haben die Lehrkräfte versucht, mir Steine in den Weg zu legen. Dieses Verhalten konnte nur mit meinem Migrationshintergrund und dem niedrigen sozialen Status zusammenhängen. Die Lehrer wussten ja, dass wir in einem Asylheim wohnten. Diese Faktoren haben meine Leistungen und mein Engagement in den Schatten gestellt. Auch in der gymnasialen Oberstufe haben mir einige Lehrer bereits nach ein paar Monaten geraten, die Schule abzubrechen. Und das, obwohl diese mich jeweils nur in einem Fach unterrichtet und keine schriftlichen Leistungen gesehen hatten. 

Während Ihrer Schulzeit haben Sie ein Schülerstipendium der START-Stiftung erhalten. Wie ist es dazu gekommen? 

Das Schülerstipendium habe ich durch Zufall erhalten. Als wir im Asylheim gelebt haben – und das ganze 10 Jahre – hat uns regelmäßig ein Sozialarbeiter der Diakonie besucht. Er fragte uns immer nach unserem Wohlbefinden und unseren Noten. Irgendwann kam er mit dem Flyer der START-Stiftung zu uns nach Hause und wollte, dass ich mich für das Stipendium bewerbe. Ich wusste allerdings nicht, was ein Stipendium ist. Er erklärte es mir mit den Worten, dass ich Geld bekommen würde. Ich habe zunächst eine unvollständige Bewerbung geschickt und dann einen Anruf bekommen, die restlichen Unterlagen nachzureichen. So wurde ich Stipendiatin der START-Stiftung und dieses Stipendium hat meinen Lebensweg positiv geändert. Erst durch die Mentoren und die Mitstipendiatinnen und -stipendiaten habe ich von den verschiedenen Bildungsmöglichkeiten erfahren. 

Wie haben Sie vom Stipendium profitiert? 

Das Umfeld der Stiftung hat mich motiviert, das Abitur zu machen. Ich konnte meine Blase – die  Schule und das Asylheim – verlassen und mir bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbare Reisen in Deutschland unternehmen. Das Schülerstipendium hat mich selbstständig gemacht. Ich habe die unterschiedlichen Facetten Deutschlands kennengelernt und wurde in meinen Fähigkeiten gefördert und gefordert. Mein Horizont wurde in allen Bereichen erweitert. 

Sie haben sich als Schülerin schließlich dazu entschlossen, Lehrerin zu werden. Wie haben Sie Ihr Ziel während der Schulzeit verfolgt? Welche Hürden mussten Sie überwinden?

Nach all den negativen Erfahrungen mit den Lehrkräften habe ich mich dazu entschlossen, Lehrerin zu werden – und zwar eine faire, möglichst objektive, motivierende und unterstützende Lehrerin, die stets für die Schüler*innen handelt statt gegen sie. Die größte Hürde auf dem Weg zu meinem Ziel waren die diskriminierenden und demotivierenden Worte der Lehrkräfte. Zusätzlich wurde ich an wichtigen Schnittstellen falsch beraten. 

Sie waren während Ihres Studiums auch Stipendiatin der SDW-Stiftung. Was hat Sie motiviert, sich für ein Studienstipendium zu bewerben? Aus welchen Gründen war das Stipendium ein großer Mehrwert in Ihrer Studienzeit?

Im Rahmen einer Veranstaltung der START-Stiftung habe ich von Stipendien für Studierende erfahren. Ich wusste im Vorfeld nichts von dieser Möglichkeit. Nach dem Abitur habe ich mich dann bei drei Stiftungen beworben – und zwei Zusagen erhalten. Nach langer Überlegung habe ich mich für die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (SDW) entschieden. Die größte Motivation, mich für ein Stipendium zu bewerben, war der finanzielle Aspekt. Meine Eltern haben von Hartz IV gelebt und mussten noch meine drei jüngeren Geschwister versorgen. Ich hatte keine Chance auf eine finanzielle Unterstützung von Zuhause. Natürlich hätte ich auch Anspruch auf BAföG gehabt, aber die ideelle Förderung im Rahmen des Stipendiums war der zweite wichtige Aspekt, der bei meiner Bewerbung eine Rolle gespielt hat. 

Was bedeutete die ideelle Förderung für Sie und wie vielfältig war das Angebot, das Sie nutzen konnten?

Durch die ideelle Förderung der START-Stiftung konnte ich einige Bildungslücken schließen. So freute ich mich umso mehr auf die ideelle Förderung der SDW, die besonders auf mein Studium zugeschnitten war. 

Was bietet das Studienkolleg der SDW, speziell den Lehramtsstudierenden?

Das Studienkolleg der SDW bietet Seminare und Akademien für angehende Lehrkräfte, Beratungsmöglichkeiten und Besichtigungen von preisgekrönten Schulen an:  Projektmanagement, Diversität, Feedbackmethoden, Qualitätsanalysen oder , Führungspositionen in der Schule  stehen dort beispielsweise auf der Agenda. Ich habe Akademien, Seminare, Konferenzen, Meetings, Diskussionsrunden mit Lehrkräften und Schulen besucht und konnte so mein Wissen erweitern sowie Handlungswerkzeuge für die Zukunft kennenlernen. Das Angebot war sehr vielfältig und ich habe großartige Menschen kennengelernt, die mich in meiner Denkweise bereichert haben. Dieses Netzwerk der SDW ist ein wichtiger Punkt, ebenso wie die  Gespräche und Diskussionen mit den Mitstipendiat*innen. Auch deren Lebens- und Denkweisen haben mich geprägt.

Jetzt sind Sie, neben Ihrer Tätigkeit als Lehrerin, Vorstandsvorsitzende der START-Alumni. Was motiviert Sie, Zeit und Arbeit in das Netzwerk mit ehemaligen Stipendiat*innen zu investieren?

Das Stipendium der START-Stiftung war ein Wendepunkt in meinem Leben, denn während ich im schulischen und privaten Umfeld keine Unterstützung bekam, haben mich die Menschen in der Stiftung stets motiviert und mir verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt. Ich verdanke der START-Stiftung sehr viel und fühle mich der Stiftung sehr verbunden. Die Stipendiaten und Stipendiatinnen sind alle ganz besondere Menschen, die sich für die Gesellschaft einsetzen und etwas Großes bewirken möchten. Da ich mit ihnen sehr gerne arbeite und das Netzwerk aufrechterhalten möchte, bin ich seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzende des START-Alumni e.V. Dieser Verein kooperiert mit der START-Stiftung. Beide  stellen gemeinsam Projekte auf, in denen die ehemaligen Stipendiat*innen der START-Stiftung als Expert*innen, Referent*innen und Redner*innen fungieren. So kommen ehemalige mit aktuellen Stipendiatinnen und Stipendiaten zusammen. Die Arbeit mit den ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten macht sehr viel Spaß und ich bin froh, der Stiftung auf diesem Weg meine Dankbarkeit zeigen zu können.

Zum Abschluss, was geben Sie allen Stipendieninteressierten im Ruhrgebiet mit auf den Weg?

Ich empfehle jeder und jedem, sich bei einer Stiftung zu bewerben, denn ein Stipendium zu haben, ist ein Privileg. Bewerbt euch und lasst euch niemals demotivieren! Ignoriert die Menschen, die euch runterziehen und geht euren eigenen Weg. Probiert es aus, denn ihr habt überhaupt nichts zu verlieren – im Gegenteil!