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Interview
VE

"Mein Promotionsstipendium ermöglicht es mir nicht nur in Vollzeit zu forschen, sondern auch mich ehrenamtlich als Zweitzeugin gegen Antisemitismus zu engagieren"

5. Dezember 2020
Mein Name ist Vanessa Eisenhardt und ich bin Doktorandin am Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum sowie ehrenamtlich für Zweitzeugen e.V. tätig. Nach meinem Masterstudium der Geschichte, Evangelischen Theologie und Erziehungswissenschaft an der RUB habe ich Juli 2018 bis März 2020 hauptamtlich für Zweitzeug*innen gearbeitet und ich mich im Oktober 2019 beim Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e.V. (kurz ELES) für ein Stipendium beworben. Seit April 2020 erhalte ich für mein Dissertationsprojekt „Das Sonderkommando R[ussland] in Transnistrien, 1941–44“ über das ELES-Förderwerk eine Promovierendenförderung und bin gleichzeitig Teil des ideellen Förderprogramms.

Vanessa, wie bist Du auf das Thema Stipendien aufmerksam geworden?

Schon während meiner Masterarbeit war mir klar, dass ich mich weiter meinen Forschungsinteressen und -projekten widmen möchte. Alles rund um das Thema Holocaustforschung hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Insbesondere die (Über)Lebensgeschichte der Zeitzeugin Chava Wolf, die den Holocaust in Transnistrien überlebt hat und die ich durch mein Ehrenamt kennengelernt habe, hat mich bewegt. Am Institut für Diaspora- und Genozidforschung, wo mein Promotionsprojekt betreut wird, bin ich sehr darin bestärkt und unterstützt worden, eine Promotion anzustreben und mich weiter mit dem Sonderkommando R[ussland] im Bereich der Täter*innen- und Gewaltforschung auseinanderzusetzen. Ich habe dann von meinen Dozent*innen den Tipp bekommen, mich für ein Stipendium zu bewerben.

Warum hat du Dich für die Promovierendenförderung des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks entschieden?

Als ich angefangen habe zu recherchieren, welche Begabtenförderungswerke es gibt, wie ich mich bewerben muss und welche Anforderungen an mich gestellt werden, ist mir ELES direkt aufgefallen. Ich hatte gleich das Gefühl: Da gehöre hin. Ich wollte mich gerne bei einem Förderwerk bewerben, das sehr viel Wert auf persönlichen Kontakt, ein Miteinander auf Augenhöhe legt und, vor allem, bei dem ich mich über meine Promotion hinaus einbringen kann. Bei ELES habe ich all das und auch noch mehr gefunden. Bei den Begrüßungstagen von ELES fiel immer wieder „ELES ist Familie“ und resümierend, nach den ersten Monaten Förderung, kann ich sagen: es stimmt! ELES war für mich genau die richtige Entscheidung, und ich bin wirklich sehr glücklich, dass ich dort aufgenommen wurde.

Stichwort Förderung: Welche Vorteile bietet Dir das Stipendium?

Da ich kein BAföG bekommen habe, habe ich mit Beginn meines Studiums angefangen, 20 Stunden, zum Teil 30 Stunden pro Woche nebenbei zu arbeiten. Neben den Seminaren und Vorlesungen habe ich zusätzlich das Latinum, Graecum und Hebraicum gemacht. Nachdem ich mich dazu entschieden hatte, eine Promotion anzustreben, war mir daher schnell klar, dass ich mein Forschungsvorhaben nur mit Hilfe eines Stipendiums verwirklichen kann. Neben der finanziellen Unterstützung finde ich es bei den Förderwerken an sich toll, wie viel Wert auf gesellschaftliches, soziales sowie politisches Engagement und auf die Vernetzung untereinander gelegt wird. Wissenschaftliches Arbeiten lebt für mich davon, dass Menschen sich auszutauschen und miteinander diskutieren.

Was kannst Du Stipendieninteressierten mit auf den Weg geben?

Es dauert ein wenig, sich durch die Förderwerke, die speziellen Anforderungen und Bewerbungsfristen zuarbeiten, aber es lohnt sich sehr! Und für alle, die bereits im Bewerbungsprozesssind, will ich noch sagen: Lasst euch von den vielen Unterlagen, die eingereicht werden müssen, nicht entmutigen und habt keine Angst vor den Auswahlgesprächen. Mir sind auf meinem Bewerbungsweg so viele großartige Menschen begegnet, die mir wirklich helfen und meine Promotion möglich machen wollten.

Vanessa, neben Deiner Promotion engagierst Du dich auch seit Jahren im Ehrenamt. Was hat Dich motiviert, ehrenamtlich aktiv zu werden?  

Ich hatte schon länger den Wunsch, mich neben Studium und Job ehrenamtlich zu engagieren, war mir aber nicht sicher, in welchem Bereich und bei welcher Organisation. Ich bin in Dortmund aufgewachsen und lebe nach wie vor dort. Etwas, was mich maßlos enttäuscht, gleichzeitig auch wütend macht ist die Tatsache, dass es hier einen Stadtteil gibt, der als „Nazi-Kiez“ bekannt ist. Die rechte Szene wächst stetig und ist mit der Partei „Die Rechte“ sogar im Stadtrat vertreten. Dagegen wollte und will ich etwas tun.

Du engagierst Dich jetzt bei Zweitzeugen e.V.. Worum geht es bei Eurer Arbeit?

Das Engagement von Zweitzeug*innen ist durch das Zitat „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen werden“ geprägt.  Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, als Zweitzeug*innen die (Über)Lebensgeschichten von Zeitzeug*innen des Holocaust zu dokumentieren, weiterzuerzählen und so an sie zu erinnern. Unser Schwerpunkt ist die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, z. B. in Schulen, Jugendzentren oder, seit kurzem auch, in den Lernzentren von Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach. Insgesamt haben wir acht verschiedene Teams, die sich um Ausstellungen/Veranstaltungen, Bildung, Wissenschaft, Kommunikation, Fundraising, interne Entwicklung, Interviewführung und -aufarbeitung sowie Zeitzeug*innenkontakte kümmern. Jede*r von uns kann seine*ihre Expertise einbringen, sodass wir gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus wirken können. Was mich immer wieder beeindruckt ist, wie schnell Zweitzeug*innen gewachsen ist und weiter wächst: Als ich dazugekommen bin, waren wir knapp 20 Ehrenamtliche, jetzt sind wir über 100 und haben sogar hauptamtliche Stellen. Vor sechs Jahren hätte das vermutlich keine*r für möglich gehalten.

Wie bist Du auf Zweitzeug*innen aufmerksam geworden?

Im Vereinsmuseum von Borussia Dortmund fand im Jahr 2014 ein Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Siegmund Pluznik statt. Herr Pluznik hat seine (Über)Lebensgeschichte so eindrücklich und bewegend erzählt, dass das Publikum die ganze Zeit still an seinen Lippen hing – an dem Abend war es so voll, dass viele Interessierte nicht mehr eingelassen werden konnten. Was mich zudem wirklich beeindruckt und letztendlich dazu gebracht hat, mich zu engagieren, waren die beteiligten Ehrenamtlichen von Zweitzeug*innen, die begeistert von ihrer Arbeit berichtet haben – da musste ich einfach mitmachen.

Welche Aufgaben übernimmst Du bei Zweitzeug*innen?

Derzeit bin ich stellvertretende Teamleitung bei den Teams Wissenschaft und Kommunikation. Das Team Wissenschaft ist für die historische Recherche zu den geführten Interviews verantwortlich. Wir betten die Erzählung der Zeitzeug*innen in den historischen Kontext ein, verfassen Fußnoten für die Magazine und geben Leseempfehlungen. Bei Konferenzen, Tagungen, Podiumsdiskussionen und Anfragen von Universitäten darf ich den Verein vertreten und Vorträge halten oder Workshops geben. Im Team Kommunikation bin ich für den Bereich Social Media verantwortlich und erarbeite gemeinsam mit den Teammitgliedern den Content für Facebook, Instagram und Twitter. Derzeit plane ich gemeinsam mit Schüler*innen meiner AG „Täter*innenschaften im Nationalsozialismus“ einen Take Over. Damit komme ich dann schon zu meinem Herzensprojekt: die Workshops mit Kindern und Jugendlichen. Mir gibt es einfach Hoffnung, wenn ich die Briefe der Kinder und Jugendlichen an die Zeitzeug*innen lese und ihre direkten Reaktionen sehe, wenn ich ihnen die (Über)Lebensgeschichten der Zeitzeug*innen erzähle.

Welche Tipps kannst Du Menschen an die Hand geben, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagieren wollen, aber nicht so recht wissen, wie sie es angehen sollen?

Ich denke, das wichtigste ist: Traut euch das zu! Jede*r von uns kann etwas beitragen. Ich denke da oft an das Sprichwort „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können wir das Gesicht der Welt verändern!“ Ihr müsst nicht eure gesamte Freizeit mit einem Ehrenamt ausfüllen, ein paar Stunden in der Woche oder im Monat können viel bewirken. Wenn ihr wisst, was ihr machen wollt, würde ich nach Organisationen vor Ort suchen, die Ehrenamtliche suchen. In vielen Städten im Ruhrgebiet gibt es z.B. auch Ehrenamtsagenturen, die gerne weiterhelfen. Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Überlegt euch auch, wie viel Zeit ihr geben könnt und zu geben schafft. Es gibt immer viel zu tun, aber ihr müsst dabei auch an euch denken.