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Interview
Foto Hendrik von Essen / Lea Martensen

Das Evangelische Studienwerk Villigst - zwei Stipendiat*innen berichten

28. März 2022
Lea Martensen und Hendrik von Essen, beide 23 Jahre alt, erhalten in ihrem Bachelor-Studium ein Stipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst. Im Interview berichten sie, was sie dazu gebracht hat, sich zu bewerben, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind und wie sie von der finanziellen und ideellen Förderung profitieren.

Welche Fächer studiert ihr und an welchem Punkt im Studium steht ihr?

Lea: Ich studiere Psychologie im Bachelor und bin dabei in den letzten Zügen. Gerade bin ich auf der Suche nach einem Thema und Betreuer*innen für meine Bachelorarbeit.

Hendrik: Ich studiere Soziale Arbeit an der Universität Duisburg-Essen im fünften Fachsemester und werde mein Studium bald beenden.

Wie seid ihr auf das Thema Stipendien aufmerksam geworden?

Lea: An meiner Uni gab es eine Infoveranstaltung, in der Stipendiat*innen verschiedene Förderungswerke vorgestellt haben. Diese Veranstaltung hat mir geholfen mich genauer zu informieren und sie hat schließlich den Stein ins Rollen gebracht mich zu bewerben.

Hendrik: Ich war als Schüler Talent im Talentscouting der Hochschule Ruhr West. Mein Talentscout hat mich zum Talentzentrum NRW vermittelt, dort wurde ich für das Stipendium vorgeschlagen und auch auf das Auswahlwochenende vorbereitet.

War euch schon vor dem Studium bewusst, dass ihr die Voraussetzungen für ein Stipendium mitbringt?

Hendrik: Überhaupt nicht. Wer denkt als Arbeiterkind schon, dass ein Stipendium für Leute wie mich ist? Ich wusste, dass es Stipendien gibt, jedoch wusste ich weder die Zulassungsvoraussetzungen noch in welcher Form die einem weiterhelfen. 

Was hat euch motiviert, euch für ein Stipendium zu bewerben?

Lea: Mich hat das Gefühl motiviert, mit einem Stipendium noch mehr aus meiner Studienzeit rausholen zu können. Konkreter gesagt, mich hat begeistert, dass ich durch die ideelle Förderung neue gedankliche Impulse bekommen kann, dass ich mich mit mehr Menschen austauschen kann und zudem durch die finanzielle Förderung mehr Freiheit in meiner Lebensgestaltung habe.

Hendrik: Wir brauchen nicht lange darum herum reden: Die finanzielle Unterstützung war für mich bei der Bewerbung ausschlaggebend. Als Arbeiterkind an der Universität kommt man in eine ganz neue Welt: Die Sprache ist eine ganz andere, die Anforderungen sind enorm, ebenso der finanzielle Druck. Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mir die sogenannte ideelle Förderung viel wichtiger ist. Man bekommt ein riesiges Netzwerk aus aktiven und ehemaligen Stipendiat*innen. Des Weiteren kann man Kontakte in diverse Felder der Politik und Wirtschaft knüpfen!

Warum habt ihr euch schließlich für das evangelische Studienwerk Villigst entschieden?

Hendrik: Die demokratischen Grundstrukturen sind dort fest verankert, und aufgrund des Vorschlags durch das Talentzentrum. Ich bin gläubiger Christ und konnte mich direkt mit den Werten und Idealen der Stiftung identifizieren. In einer politischen Stiftung hätte ich mich nicht gesehen.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, was ihr im Motivationsschreibens geschrieben habt?

Lea: Für die Bewerbung sollte ich zwei Arten von Motivationsschreiben verfassen. Zum einen einen ausführlichen Lebenslauf: Hier habe ich beschrieben, was ich bisher erlebt und gemacht habe und wie mich das geprägt hat. Beim zweiten Motivationsschrieben ging es darum, was im letzten Jahr vor meiner Bewerbung passiert ist. Da ich mich erst während des Studiums beworben habe, konnte ich von meinem Studium und Engagement berichten.

Neben sehr guten Schul-/Studienleistungen ist auch Engagement eine Voraussetzung für ein Stipendium. Mit welchem Engagement habt ihr überzeugt?

Hendrik: Ich habe sehr lange im Fußballbereich ehrenamtlich gearbeitet und habe mich schon immer für Bildungsgerechtigkeit eingesetzt. Als Fußballtrainer habe ich immer versucht, meine Jungs und Mädels ganzheitlich auszubilden. Dazu gehört zum Beispiel auch die Unterstützung im Bildungsbereich. Zudem stehe ich bei Arbeiterkind.de als Mentor zur Verfügung. Ich habe darüber hinaus ehrenamtlich in einem Eine-Welt-Laden der Evangelischen Kirche mitgearbeitet, das war jedoch nicht ausschlaggebend für die Auswahlentscheidung. Die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche ist keine Voraussetzung mehr für ein Stipendium. Nicht-evangelische Personen müssen sich aber bewusst sein, dass sie nach ihrer Motivation zur Bewerbung gefragt werden.

Lea: Bei mir war ein Faktor, dass ich mich seit meiner Schulzeit in verschiedenen Bereichen engagiert habe. Bei Veranstaltungen in meiner Heimatgemeinde und meiner Schule habe ich mich eine Zeitlang um die Veranstaltungstechnik gekümmert. Nach meinem Abitur habe ich einen Spieletreff in einem Begegnungszentrum begleitet. Seit Beginn meines Studiums bin ich in Witten in einem Verein aktiv, der sich für Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit einsetzt. Außerdem habe ich mit anderen Studierenden eine Initiative gegründet, welche sich interdisziplinäre Zusammenhänge, vor allem zwischen Medizin und Psychologie, anschaut und Veranstaltungen dazu organisiert. Damit konnte ich zeigen, dass Engagement einen großen Stellenwert in meinem Leben hat.

Für die Bewerbung benötigt man ein Empfehlungsschreiben. Wie seid ihr darangekommen?

Lea: Ausgesucht habe ich mir einen Professor, der mir sympathisch ist, in dessen Seminar ich mich regelmäßig beteiligt und bei dem ich auch eine gute Prüfungsleistung erbracht habe. Aber erstmal musste ich mich überwinden, ihn auch anzusprechen. Nachdem ich dies schon recht lange vor mir hergeschoben hatte, bin ich kurz entschlossen einfach zu seinem Büro gegangen, habe geklopft und ihm mein Anliegen erklärt. Der Professor wollte meine Motivationsschreiben erst durchlesen und hat sich dann bereit erklärt, mich zu unterstützen und ein Empfehlungsschreiben für mich zu verfassen. Zum Ehrenamt benötigt man übrigens auch ein Empfehlungsschreiben.

Hendrik, Du hast Dich ja schon vor Studienbeginn als Schüler beworben. Wer hat für dich ein Empfehlungsschreiben verfasst?

Hendrik: Das war ein Fachlehrer an meiner Schule. Diese können Empfehlungsschreiben für Schüler*innen schreiben. Im Studium sind die Dozent*innen sehr angetan, wenn man sie um ein Empfehlungsschreiben bittet. Auf jeden Fall sollte man bei der Person, die man fragt, ein Seminar haben, da sie einen dann besser einschätzen kann.

Wie lief das Auswahlverfahren bei euch ab?

Hendrik: Zuerst war ich bei einer Vorauswahl, bei der alle Bewerber*innen angehört werden. Hier werden Kandidat*innen für die zweite Runde ausgewählt. Dann kam ich zu einem zweitägigen Auswahlverfahren nach Villigst. Während Corona war das Auswahlverfahren aber anders organisiert.

Lea: Genau, beim Studienwerk Villigst ist es eigentlich so, dass es eine lokale Vorauswahl gibt und dann vor Ort in Schwerte die Hauptauswahl stattfindet. Ich bin kurz nach dem Beginn der Corona-Pandemie aufgenommen worden. Da war Villigst gerade dabei, den Auswahlprozess zu digitalisieren. Daher hatte ich nach meiner schriftlichen Bewerbung nur ein Hauptauswahlgespräch. In dem Gespräch ging es um viele verschiedene Themen, von Geschichte und Kunst zu Politik und Ethik. Insgesamt war es eine sehr angenehme und anregende Stimmung und es war auch nicht schlimm, falls ich mich in einem Themenbereich nicht so gut auskannte.

Welche besonderen Angebote gibt es bei dem Stipendium?

Lea: Etwas Besonderes ist die sogenannte Sommeruniversität. Ein Höhepunkt sind hier zwei Wochen in Schwerte, wo das Studienwerk ein Seminarhaus hat. Dort werden interdisziplinäre Kurse zu verschiedenen Themen mit einem übergreifenden Schwerpunkt angeboten. Dieses Jahr ist der Fokus „Macht“. Die Seminare, die man besuchen kann, sind thematisch sehr vielfältig, zum, Beispiel „Macht Kirche Staat?“ oder „Die Macht und Ohnmacht der Musik – Einsichten in ein paradoxes Kulturgut“. Ich habe die Sommeruni noch nicht selbst erleben können, aber viele Stipendiat*innen davon schwärmen hören: Menschen kennenlernen, diskutieren und sich austauschen.

Villigst ist ja das Förderwerk der evangelischen Kirchen. Gibt es auch religiös orientierte Angebote oder einen religionsübergreifenden Austausch/Dialog?

Hendrik: Wir haben einen Werkspfarrer, der für Austausch und auch Vertrauensgespräche bereitsteht. Weiterhin gibt es religiöse Angebote, wie das Pilgern mit dem Cusanuswerk - unserem katholischen Schwesterwerk -, oder „Ora et scribe“, ein Angebot im Haus Villigst, um in Ruhe seine Abschlussarbeiten zu schreiben.

Lea: Ich habe schon öfter mitbekommen, dass es Einladungen von anderen religiös orientierten Förderwerken zu Veranstaltungen oder anderen Angeboten gab. Es sind aber auch nicht alle Stipendiat*innen bei Villigst evangelisch. Daher kann es auch bei internen Veranstaltungen zu religionsübergreifendem Austausch kommen.

Inwiefern ist euer Stipendium ein Mehrwert in eurer Studienzeit?

Lea: Das Stipendium ist ein großer Mehrwert für mich, weil ich mich durch die finanzielle Absicherung gestärkt fühle, und auch dadurch, dass ich mit meiner Studienleitung eine Ansprechperson habe, die sich mit dem Studium und studienbezogenen Themen auskennt und mich im Zweifelsfall beraten kann. Ein weiterer Mehrwert sind die vielen Themen, mit denen ich in Berührung kommen kann. Bei Villigst gibt es Arbeitsgemeinschaften zu verschiedenen Themen, zum Beispiel zu Nachhaltigkeit, dem Israel-Palästina-Konflikt oder mentaler Gesundheit. Diese AGs veranstalten regelmäßig Angebote, in denen man Input erhält und sich austauschen kann. Ohne das Stipendium hätte ich nicht die Möglichkeit bei diesen Veranstaltungen dabei zu sein und auf diese Art und Weise meinen Horizont zu erweitern.

Hendrik: Gerade in Zeiten der Pandemie war der Austausch mit anderen Stipendiat*innen in unserer Regionalgruppe Ruhr sehr groß und der Kontakt mit Studierenden mit den verschiedensten Studiengängen bringt einen immer weiter. Man hat so viele Sichtweisen, dass einem nie langweilig wird.

Hat sich durch das Stipendium in eurem Leben oder Studium etwas verändert?

Hendrik: Ich habe mit meinem Studienleiter eine echte Vertrauensperson gewonnen. Er begleitet und unterstützt mich und hat sehr viel Verständnis für die Sorgen eines Arbeiterkindes. Des Weiteren habe ich finanzielle Sicherheit und muss nicht neben dem Studium einer Beschäftigung nachgehen – das ist unglaublich wertvoll. Ansonsten habe ich tolle Menschen kennengelernt, die ich jetzt Freunde nennen darf!

Was bedeutet es für dich als „Arbeiterkind“, Stipendiat zu sein?

Hendrik: Es bedeutet für mich, Verantwortung zu zeigen und benachteiligte Gruppen auf dem eigenen Weg zum Stipendium zu unterstützen. Das Image muss weg, dass Stipendien nur was für die Elite sind, das verfehlt dann meiner Meinung nach nämlich den Sinn. Hier sei auch auf die Bildungsforschung zur Chancengerechtigkeit, u.a. die Arbeiten des Soziologen Prof. Aladin El-Mafaalani, verwiesen.

Gibt es eine besondere Erfahrung, die ihr in eurer Studienzeit aufgrund der Förderung gemacht habt?

Lea: Eine schöne Erfahrung, die ich machen durfte, war ein Wochenende in Berlin. Dort sind Mitglieder der AG Gender zusammengekommen und wir haben einen Workshop zum Thema Ökofeminismus besucht, waren im Museum und anschließend essen. Dies war für mich besonders, weil es meine erste Veranstaltung des Studienwerks war, die nicht digital stattgefunden hat. Besonders gut gefallen hat mir das Miteinander. Wir kannten uns vorher nicht, trotzdem ist sehr schnell eine vertraute Atmosphäre aufgekommen.

Wovon träumt ihr beruflich? Was möchtet ihr später gern erreichen?

Hendrik: Sehr schnell habe ich verstanden, dass ich als Sozialarbeiter die Welt nicht retten kann. Kleine Maßnahmen im Leben reichen aber schon aus, um einen Unterschied zu machen! Ich möchte später Verantwortung übernehmen und Leiter in einer Bildungseinrichtung werden.

Was gebt ihr allen Stipendieninteressierten im Ruhrgebiet mit auf den Weg?

Lea: Einfach mal ausprobieren, bewerbt euch! Ich denke, es wird oft überschätzt, was man alles „leisten“ muss, um ein Stipendium zu bekommen. Und wenn’s beim ersten Mal nicht funktioniert, probiert es ruhig ein zweites Mal.

Hendrik: Das Ruhrgebiet hat mehr Potenzial, als man denkt. Ich höre sehr oft, dass Menschen aus dem Ruhrgebiet ehrliche Menschen sind und nicht lange „rumschnacken“, sondern anpacken. Diese Mentalität finde ich hervorragend. Weiterhin ist unser Alltag geprägt von Vielfalt, das hilft uns unterschiedliche Perspektiven besser nachzuvollziehen.

Zu guter Letzt, welche Tipps habt ihr für das Auswahlverfahren?

Lea: Mein Tipp ist leichter gesagt als getan, aber ich würde allen raten sich zu entspannen. Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass der Auswahlprozess keine Prüfung ist, die man mit den richtigen Antworten bestehen kann. Ich glaube, es ist viel entscheidender, dass man sich mit seiner Individualität zeigt und begründen kann, wieso man denkt, was man denkt. Und das geht viel besser, wenn man entspannt ist.

Hendrik: Kurz gesagt: Bleib du selbst und bei der Wahrheit! Ehrlichkeit währt am längsten.

Weiterführende Informationen:

Foto Hendrik von Essen: Michael Kestin (https://michael-kestin.com/work)

Foto Lea Martensen: privat