Direkt zum Inhalt
Interview
AS

Erinnerungskultur zwischen Studium, Ehrenamt und Stipendium

1. März 2021
Ich heiße Andrea Schlosser, bin seit 2018 Stipendiatin der Rosa Luxemburg-Stiftung und M.A.-Studentin der Amerikanistik und Italianistik an der Ruhr-Universität Bochum. In meiner Freizeit engagiere ich mich seit 2015 ehrenamtlich bei ZWEITZEUGEN e.V., wo ich Subteamleitung für Kurztexte von Zeitzeugenberichten bin.

Andrea, wie bist Du auf das Thema Stipendien aufmerksam geworden?

Auf das Thema bin ich im Laufe meines Studiums aufmerksam geworden. Einige meiner Kommiliton*innen waren selbst Stipendiat*innen und so habe ich angefangen, mich über die verschiedenen politischen Stiftungen in Deutschland zu informieren. Da ich die Kriterien, wie beispielsweise sehr gute Studienleistungen und die Ausübung eines Ehrenamts erfüllt habe, habe ich mich dazu entschlossen, mich für ein Studienstipendium zu bewerben.

Warum hast du Dich für ein Stipendium bei der Rosa Luxemburg-Stiftung entschieden?

Nachdem ich meine Recherche über mögliche Studienstipendien abgeschlossen hatte, habe ich einen Termin bei meinem Amerikanistik-Professor gemacht, der selbst Promotions-Stipendiat bei der Rosa Luxemburg-Stiftung (RLS) war. Da ich mich sowohl mit den Prinzipien und den Konzepten der Rosa Luxemburg-Stiftung identifizieren konnte, war mir relativ schnell klar, dass diese Stiftung diejenige sein wird, für deren Stipendium ich mich bewerben möchte. Deshalb habe ich mich auch bei keiner anderen Stiftung beworben. Bis heute bin ich glücklich, Stipendiatin bei der RLS zu sein.

Welche Vorteile bietet Dir das Stipendium?

Durch die finanzielle Unterstützung, die ich durch die Rosa Luxemburg-Stiftung erhalte, kann ich mich voll und ganz auf mein Studium konzentrieren; die finanzielle Unterstützung hält mir sprichwörtlich den Rücken frei, so dass ich nicht mehr arbeiten gehen muss. Allerdings ist die finanzielle Unterstützung nur eine Seite der vielen Vorteile, die mir das Stipendium bietet. Denn zusätzlich bietet die Rosa Luxemburg-Stiftung auch ein breitgefächertes ideelles Programm an. Dies sind zum Beispiel Workshops zum Zeitmanagement im Studium, Sommerakademien zu feministischen Themen, oder aber auch Veranstaltungen zu den Themen, die die Rosa Luxemburg-Stiftung unterstützt. Ich kann mich sehr stark mit den Idealen der Stiftung identifizieren, die es sich zum Ziel gemacht hat, „durch politische Bildung zu Demokratie, geschlechts- oder ethnisch bedingter Benachteiligung beizutragen“. Und: Ich kann mich durch den Erhalt des Stipendiums meinem Ehrenamt bei ZWEITZEUGEN e.V. widmen, wo ich aktuell Subteamleitung der Kurztexte von Zeitzeug*innenberichten bin. Ohne die Unterstützung der RLS würde ich nicht so viel ehrenamtlich arbeiten können.

Was hat Dich motiviert ehrenamtlich aktiv zu werden?

Im Januar 2015 habe ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über die Arbeit von ZWEITZEUGEN e.V. (damals Heimatsucher e.V.) gelesen. Ich war so begeistert, dass ich fest entschlossen war, dem Verein meine Hilfe anzubieten. Ich habe mich dann online informiert und wollte unbedingt mitmachen bei diesem tollen Projekt. So bin ich zu ZWEITZEUGEN e.V. gekommen – und habe es bis heute, sechs Jahre später – nicht bereut. Zu Beginn meines Ehrenamts dort habe ich Zeitzeug*inneninterviews transkribiert. Seit 2018 bin ich mit einem Korrektorat/Lektorat selbstständig. So habe ich angefangen, die verschiedensten Texte Korrektur zu lesen – sei es Anträge für Projektmittel, den monatlichen Newsletter für die Ehrenamtlichen des Vereins, das Schulmaterial und eben auch die zahlreichen Zeitzeug*inneninterviews.  Weiter habe ich auch zwei Treffen mit den Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer und Dr. Leon Weintraub als Fotografin begleitet und konnte sozusagen „first hand“ miterleben, was es heißt Zweitzeugin zu werden. Ich freue mich auf alles, was ich mit dem Verein in Zukunft noch erleben darf.

Du hilfst dabei, die Geschichten von Zeitzeug*innen des Holocaust zu dokumentieren. Wie habt Ihr Kontakt zu den Zeitzeug*innen aufgenommen?

Der Kontakt zu den Zeitzeug*innen ist völlig unterschiedlich zustande gekommen. Bei Leon Weintraub war es beispielsweise so, dass ZWEITZEUGEN e.V. eine Fahrt nach Auschwitz unternommen, Leon dort zufällig getroffen hat und mit ihm ins Gespräch gekommen ist. Frau Friedländer haben wir bei einer Veranstaltung einer anderen Stiftung kennengelernt und sie angesprochen, ob sie Interesse an einem Interview mit uns hätte.

Mit Margot Friedländer und Leon Weintraub hast du zwei Zeitzeug*innen des Holocaust persönlich kennengelernt. Gibt es eine Geschichte, die Dir besonders nahegegangen ist?

Alle Geschichten gehen mir nahe, denn wir können uns das Leid der Menschen kaum vorstellen. Mir ist allerdings in Erinnerung geblieben, dass Frau Friedländer, als sie in Berlin untergetaucht ist, eine rhinoplastische Operation ertragen hat, damit sie nicht mehr so „jüdisch“ aussieht. An Leon Weintraubs Geschichte hat mich sehr berührt, dass er sich nach dem Holocaust dazu entschlossen hat, mit Menschen zu arbeiten. Er hat Medizin studiert und als Gynäkologe mehr als 4.000 Kindern auf die Welt geholfen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei, dass Leon sagte, im Innern sind alle Menschen gleich. Sobald man bei einer Operation das Skalpell ansetzt und einen Schnitt macht, gibt es kein „schwarz“, „braun“, „gelb“, oder „weiß“ mehr. Alle Menschen sind gleich.

Konnten die Zeitzeug*innen des Holocaust trotz des großen Leids, das sie erfahren mussten, überhaupt noch Momente des Glücks erleben?

Bei den Zeitzeugen, die ich getroffen habe, würde ich „Ja“ sagen. Leon hat eine wundervolle Familie gegründet und sich in seinem Leben der Gynäkologie gewidmet. Margot Friedländer ist heute Ehrenbürgerin von Berlin und erzählt ihre Geschichte (wie auch Leon) in Schulen weiter. Beide haben sich dem Aufklären gewidmet, trotz ihres hohen Alters, damit wir aus dem, was sie erlebt haben, lernen. Es darf einfach nie wieder geschehen!

Was können andere Menschen dazu beitragen, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus bewahrt werden?

Hier kommt es darauf an, aus welcher Perspektive wir alles betrachten. So lange wir Holocaust-Überlebende selbst befragen können, sollten wir dies auch tun. Das USC Shoah Foundation Visual History Archive hat beispielsweise mehr als 50.000 Zeitzeug*innen-Interviews geführt und stellt diese auf ihrer Webseite zur Verfügung. Weiter ist die Arbeit von ZWEITZEUGEN e.V. deshalb so wichtig, weil der Verein das einmalige Konzept von Zweitzeugen entwickelt hat und Kindern die Geschichten der Zeitzeug*innen näherbringt und so gegen das Vergessen arbeitet. Was Privatpersonen machen können, um die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus am Leben zu erhalten, ist sich ehrenamtlich zu engagieren. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Angeboten von Vereinen und Organisationen, die zu dem Thema sensibilisieren und gegen Rassismus und Antisemitismus aufklären. Weiter sollte man ein waches Auge auf die gesellschaftlichen Entwicklungen haben. Es darf nicht sein, dass Hass gegenüber Menschen mit einer anderen Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung zum eigenen Hass wird. Seid einfach „Menschen“, wie Margot Friedländer es treffend ausdrückt.

Wenn wir abschließend nochmal auf das Thema Stipendien blicken: Was kannst Du Stipendieninteressierten mit auf dem Weg geben?

Ihr solltet keine Angst vor einer Bewerbung haben. Ich habe lange überlegt, ob ich mich für ein Stipendium bewerben soll oder nicht. Ich bin froh, dass mein Professor mich auf die RLS aufmerksam gemacht hat. Aber bei vielen Stiftungen kann auch eine Eigennominierung stattfinden, das heißt, man kann sich selbst bewerben und muss nicht vorgeschlagen werden. Erfüllt man alle Kriterien der jeweiligen Stiftung, wird man zu einem Bewerbungsgespräch mit einer Vertrauensdozentin oder einem Vertrauensdozenten eingeladen. Mein Tipp für dieses Auswahlgespräch ist ganz simpel: Seid einfach ihr selbst. Erzählt von euren Zielen im Studium, eurem Ehrenamt und warum ihr euch für die jeweilige Stiftung entschieden habt. Die Vertrauensdozent*innen sind sehr nett und unterstützend. Kurzum: Traut euch!

Weitere Informationen:

 

Bild: Andrea Schlosser